Was? Das soll mein Leben sein?
Diese Frage stelle ich mir täglich aufs Neue. Irgendwie hatte ich bei meiner Geburt andere Pläne, sonst hätte ich mir nicht solche Mühe gegeben, den Wettlauf mit den anderen Spermien zu gewinnen. Ich bin kein Siegertyp, eher diejenige, die immer zum Schluss ins Team gewählt wird.
Als Kind sah ich mich als Ballerina über die Bühnen der Welt schweben. Dann mal wieder feierte ich Erfolge als Hundezüchterin, Tierärztin, Fotografin oder Bestsellerautorin. Was soll ich sagen? Es kam anders. Einiges davon kann ich mittlerweile abhaken. Ballerina werde ich auch in meinen kühnsten Träumen nicht mehr. Aus dem Bett zu kommen, stellt sich manchmal schon als Herausforderung dar. Tierärztin fällt auch flach. Dafür bin ich viel zu emotional und Hundezüchterin? Nee! Die Tierheime platzen aus allen Nähten. Da muss ich nicht noch mehr Nachwuchs produzieren.
Ich wurde am 24. Februar 1967 in Wolfsburg geboren, und zwar einen Monat vor dem errechneten Termin, weil meine Mutter unbedingt noch vor meiner Ankunft die Fußböden scheuern wollte. Dabei hätte ich es ihr gar nicht übel genommen, wenn der Boden nicht zu hundert Prozent picobello gewesen wäre. Ich vermute aber, dass der wahre Grund für diese unverantwortliche Putzorgie die Ankunft meiner Großmutter war, die meine Schwester und meinen Vater versorgen sollte, während mich meine Mutter in die kalte grausame Welt hinaus presste. Ins Krankenhaus schafften wir es nach dieser Aktion natürlich nicht mehr und so wurde ich im elterlichen Schlafzimmer geboren.
Vierzehn Tage später, erhängte sich die Hebamme, die mich aus dem Mutterlaib gezogen hatte, was ich ihr beides sehr übel nahm, denn ich war mitnichten so abschreckend, dass man den Lebenswillen verlieren konnte, auch wenn ich mehr tot als lebendig auf die Welt kam. Die Nabelschnur hatte sich mehrfach um meinen Hals gewickelt und mir eine Gesichtsfarbe verliehen, die der Zunge eines Chow-Chows nicht unähnlich war. Aber als ich wieder zum zarten Baby rosa zurückgekehrt war, konnte man durchaus den süßen Fratz in mir erkennen. Ich war ein kleines pummliges Baby, mit einem Wust dunkler, lockiger Haare und großen braunen Augen.
Als Kind wollte ich zum Ballett, wie meine damalige beste Freundin Ingrun. Da kommt der oben genannte Berufswunsch der Ballerina wieder ins Spiel. Aber meine Eltern waren dagegen, weil sie Angst hatten, dass ich gehänselt werden würde. Leider war ich immer noch zu klein für mein Gewicht und es stand zu befürchten, dass es meinen Mittänzerinnen schnell auffallen würden. Das war der Beginn eines langjährigen feindlichen Umgangs mit meinem Körper. Ich hatte und habe nie einen liebevollen Blick auf mich selbst.
Das Leben schritt eilig voran. Schule, Hauswirtschaftsschule und eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin, die ich gehasst und in die ich mich aus eigener Schuld hineingestürzt habe. Ich hatte Torschlusspanik. Angst, keinen Ausbildungsplatz zu bekommen und so nahm ich das erst beste, was ich kriegen konnte. Es war ein Desaster, über das sich kein weiteres Wort zu verlieren lohnt. Ich taumelte durch mein Berufsleben, immer mit einem Fuß am Abgrund. Nach ein paar Jahren ließ ich mich zur Reformfachberaterin ausbilden und arbeitete über 20 Jahre in einem Reformhaus, bis ich 2013 zusammenbrach. Depressionen, Panikattacken und Angstzustände zerstörten mein Leben, das von da an kaum noch lebenswert schien.
Mit Medikamenten, fand ich wieder einigermaßen zu mir zurück, aber arbeiten wie ich es gewohnt war, war nicht mehr möglich. Es wurde mir eine Umschulung zur Kauffrau für Büromanagement genehmigt und das brachte mich 2019 nach Bremen.
Ich habe niemals damit gerechnet, jemals aus Wolfsburg herauszukommen. Aber manchmal führen einen die Wege nicht nur nach Rom. Ich fühle mich hier wohl und angekommen.
Meine Mieze Menolly ist immer an meiner Seite, in guten, wie in schlechten Zeiten. Ich könnte sie auch als mein flauschiges Spiegelbild bezeichnen. An ihr kann ich immer gut erkennen, in welcher Stimmung ich gerade bin und wie ich mich fühle. Sie spiegelt mich perfekt. Wir sind ein Kopf, ein Arsch.
Hier in Vegesack konzentriere ich mich aufs Fotografieren und Schreiben. Außerdem verleihe ich Dekoartikeln, meinen persönlichen Touch und nenne es dann Happy Art.
Ich bin ein Eigenbrötler. Ein Eremit. Das war ich schon immer und da sich diese Taktik bewährt hat, werde ich sie beibehalten. Ich bin eine Baumliebhaberin, eine Friedhofssammlerin, eine Leseratte und eine Spaziergängerin (gerne auch im Regen). Durch meine Adern fließt Earl Grey statt Blut, bin einem ordentlichen Ostfriesen Tee aber nicht abgeneigt. Assam ist auch toll.